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Kinder, die was woll'n...

Oder: Warum ich meiner Tochter nicht ihren Willen ab-erziehe.

"Kinder, die was wollen, bekommen was auf'fe Bollen." Vielleicht kennst Du das Sprichwort. Ich habe es in meiner Kindheit häufig gehört - und höre es auch heutzutage noch. Ein Satz voller Gewalt und Unterdrückung. Was steckt dahinter?

 

"Ich will...", höre ich das Mädchen sagen und noch ehe der Satz zu Ende gesprochen ist, unterbricht die Mutter: "Das heißt: Ich möchte bitte...". Kein Zeichen von Gewalt, wie noch im ersten Satz. Oder doch?

Wird nicht auch hier der Wille unterdrückt?

"Ich will aber!"

Tatsächlich ist es für die Ohren vieler Menschen ein Unterschied, ob ein Kind mit aller Vehemenz und womöglich aufgestampften Fuß unterstreicht: "Ich will aber!" oder wenn mit ruhiger Stimme um etwas gebeten wird: "Ich will bitte einen Apfel haben."

Der Ton macht in jedem Fall die Musik, doch unabhängig von diesem geht es auch um das Anerkennen der eigenen Grenzen und Möglichkeiten.

 

In der Ordnung unserer Gesellschaft kommen wir gar nicht bis zum Tonfall. Es reichen die beiden kleinen Worte "Ich will...", um unterbrochen und zurechtgewiesen zu werden. "Ich möchte!", klingt es beim zweiten Mal schon schärfer aus dem Mund der Mutter.

 

Den eigenen Willen nicht ausdrücken zu dürfen, nicht für ihn einstehen zu können, dass ist das, was in unserer Gesellschaft tatsächlich gewollt ist. Der Deckmantel der Höflichkeit wird darüber gelegt. "Ich möchte..." klingt viel angenehmer als: "Ich will..." Und mag der Ton noch so ruhig sein.

Gefährlicher Wille

"Das Volk gilt der Regierung als gefährlicher Feind, der um seines eigenen besten Willens kontrolliert werden muss."

So soll bereits Noam Chomsky gesagt haben. Ein Gedanke, der also keineswegs neu ist und bereits seit Generationen fest in der Erziehung verankert ist: Du darfst nicht wollen, nur möchten.

 

Doch was genau ist denn so gefährlich am freien Willen des Einzelnen?"

"Stärke entsteht nicht im Körper. Sie entsteht aus einem unbändigen Willen."

Diese Worte werden Mahátma Gándhí zugesprochen. Noch detailreicher kommt es von Nicola Tesla:

"Meine Mutter verstand die menschliche Natur besser und tadelte nie. Sie wusste, dass ein Mensch nie durch fremdes Bemühen oder durch Proteste vor seiner eigenen Dummheit oder vor Laster bewahrt werden kann, sondern nur durch den Einsatz seines eigenen Willens."

Die Macht des Willens

Stärke entsteht aus einem unbändigen Willen

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Es ist diese Stärke, vor der sich die Gesellschaft fürchtet. Keineswegs nur die Regierung, sondern sämtliche Institutionen und auch die meisten Eltern. Die Stärke des unbändigen Willens ist die innere Stärke, die einem unbequemen Menschen innewohnt. Sie lebt in jenen, die sich nicht leicht bevormunden lassen, die Fragen stellen - Dinge und Situationen hinter fragen - und die auch Autoritäten keineswegs aufgrund ihrer Stellung anerkennen.

 

Wer seinen Willen auszudrücken, gar auszuleben weiß, besitzt Macht. Es ist nicht die Macht, sich gegen andere zu stellen - das, wovor so viele Angst haben. Es ist eine ganz andere Form von Macht, die nicht sichtbar und nicht greifbar ist.

 

Der Mensch, der weiß, was er wirklich von Herzen will und dem die Macht seines Willens bewusst ist, der kann wahrlich alles vollbringen und erreichen. Ganz einfach, weil dieser Mensch WEISS, das ihm alles möglich ist.

 

Andreas Bernknecht beschreibt dies in einem seiner Arbeitshefte folgendermaßen:

"Je mehr Du es schaffst zu einem Wollen zu kommen, umso mehr Energie und Kraft kannst Du freisetzen und aktivieren. Wollen entspricht einer intrinsischen Motivation. Das bedeutet, dass etwas aus Deinem Inneren kommt, also direkt von Dir. Es ist etwas, das mit Deinem wahren Wesen zu tun hat. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass es ein Teil Deines Seelenplans ist."

Informationen rund um dieses Zitat, das Arbeitsheft und alles, was dazu gehört, sowie die Möglichkeit zu einem kostenlosen Online-Vortrag erhältst Du hier:


Die Grenzen des unbändigen Willens

Genau das ist der Grund, aus dem ich meine Tochter "Ich will..." sagen lasse. Mir ist es wichtig, sie zu einem selbst denkenden Menschen zu begleiten. Ich will, dass sie Fragen stellt, Dinge und Situationen hinterfragt und somit be-greifen kann, während andere Menschen glauben, was ihnen gesagt wird. Sie wird ein unbequemer Mensch werden, der nicht allen ins Bild passt. Doch das sind genau die Menschen, die wir brauchen, damit sie die Macht haben, eine Realität zu erschaffen, von der die meisten von uns nur träumen.

 

Bringt mich das an meine Grenzen? Und ob!

 

Bereits wenige Tage nach ihrer Geburt wusste meine Tochter genau zu zeigen, was sie NICHT wollte. Und wer in der Lage ist mitzuteilen, was er NICHT will, hat auch das Potential auszudrücken, was er will.

Im Alltag wird dies häufig zur Herausforderung. Willensstarke Menschen sind die, die uns Eltern fordern, die sich in Wutausbrüchen ergehen können - aber nicht müssen. Tatsächlich erlebe ich mit Lioba bisher nur sehr, sehr wenig Wutausbrüche. Sie ist jetzt etwas über zweieinhalb Jahre jung - genau in dem Alter, das als "Trotzalter" in der Gesellschaft verschrien und für Wutausbrüche bekannt ist. Mit vielen Kindern dieser Altergruppe habe ich solche als Tagesmutter erlebt. Doch den eigenen Willen zu zeigen, bedeutet nicht, sich in einem Wutausbruch zu ergehen und jederzeit zu bekommen, was gewollt ist. Es gehört allerdings auch dazu, seinen Willen ausdrücken zu können und die Möglichkeit, ihn umzusetzen, wo es möglich ist.

Diese gebe ich Lioba im Alltag. Sie darf an sehr vielen Dingen und Situationen, die sie betreffen, mit entscheiden - und zwar ohne, dass ich eine Entscheidung vorwegnehme und ihr lediglich eine scheinbare Wahlmöglichkeit lasse.

So entscheidet sie bis zu einer gewissen Grenze, was und wie viel sie essen will - und das ist nicht unbedingt das, was auf dem Tisch steht. Sie wird in unsere Rituale des Tages mit einbezogen, sei es nun die morgendliche Meditation des Papas oder wie wir als Familien unseren Krafttierbegleiter des Tages ziehen. Sie kann mit-entscheiden, was sie anziehen möchte, ob sie Mütze, Handschuhe und Jacke tragen will - oder lieber nicht. Im Zweifel werden die Sachen mitgenommen und angezogen, sobald es ihr unterwegs zu unbequem wird. Sie entscheidet, ob sie lieber eine Windel tragen oder aufs Töpfen gehen möchte und erklärt auch eindeutig, von wem sie welche Unterstützung wünscht. All dies und vieles mehr macht Wutanfälle, wie ich sie bei Kindern in anderen Familien erlebe, meistens unnötig sind. Lioba bekommt, was sie will, ohne darum kämpfen zu müssen. Nicht, weil wir ihr alles gestatten - über unsere Bedürfnisse als Eltern hinweg - sondern, weil wir ihre Bedürfnisse der Autonomie und Mitbestimmung achten und Wert schätzen. Genau darum geht es in erster Linie beim Wollen.

Der Wille des Egos

Bild von João Geraldo Borges Júnior auf Pixabay
Bild von João Geraldo Borges Júnior auf Pixabay

Ich wiederhole mich: Den eigenen Willen zu zeigen, bedeutet nicht, sich in einem Wutausbruch zu ergehen und jederzeit zu bekommen, was gewollt ist.

 

Denn wenn es um das "Ich will!" geht, bei dem auch noch geschrien oder mit dem Fuß aufgestampft wird, spricht nicht mehr das innere, höhere Selbst, sondern das Ego. Hier geht es tatsächlich um Durchsetzung, um Gegeneinander und auch um Macht.

Bei Zweijährigen kann es ein Akt der Verzweiflung sein, denn noch verstehen sie nicht alle Zusammenhänge, sind nicht in der Lage, die Bedürfnisse anderer zu erkennen und begreifen auch nicht die Gefahren, vor denen Eltern schützen wollen. Wutausbrüche sind dann häufig vorprogrammiert. Den Eltern bleibt nur, diese zu begleiten, Verständnis und vor allem Geduld zu zeigen, bis eine Annahme möglich ist und damit die Wut schwindet.

 

Allerdings mache ich die Erfahrung, dass meine Tochter, die so vieles entscheiden kann und so selten um ihren Willen kämpfen braucht, dies auch in solchen Situationen sehr selten tut. Rasch und ohne einen Kampf oder große Diskussion akzeptiert sie, dass es gerade nicht möglich ist, ihren Willen zu bekommen.

 

Wenn ich ehrlich mit mir selber darüber nachdenke, erlebe ich bei ihr einen Wutausbruch am Ehesten, wenn ich meinen Willen durchsetze, obwohl es weder Not und Gefahr gibt, noch ein existentielles Bedürfnis in Gefahr ist. Dann steht Ego gegen Ego und ein kleines Kind hat schlicht noch nicht die facettenreiche Handlungsbreite eines Erwachsenen. Es fehlen Erfahrungen, den Willen anders, als mit Wut durchzusetzen. Anstatt dann darauf zu bestehen, den eigenen Willen - das erwachsene Ego - gewinnen zu lassen, hilft es einen Schritt zurück zu treten.

Muss es gerade wirklich so schnell gehen, dass ich ihr die Schuhe anziehen muss?

Warum bestehe ich darauf, dass es erst Gemüse und dann die Süßspeise gibt, wo ich doch weiß, dass mein Rohkostkind über den Tag verteilt jede Menge Gesundes isst, wenn ich es ihr nur anbiete?

Muss sie wirklich ins Bett, wenn ich entscheide, dass es an der Zeit ist, anstatt dann, wenn sie müde ist?

 

Auch wenn ich die Entstehung von Wutausbrüchen bei Kleinkindern in anderen Familien anschaue, geht es häufig um einen Kampf des Egos. Meist setzt sich am Ende Mutter oder Vater durch - um sich dann noch mehr zu ärgern, dass ihr Kind im entscheidenden Momenten einen Aufstand macht.

Willen und Wollen lassen

Lassen wir unseren Kindern doch wieder mehr den Willen. Lassen wir sie mehr wollen. Und vor allem: Lassen wir sie dieses wertvolle Wort auch aussprechen - wenigstens wenn der Tonfall eher freundlich als fordernd ist. Denn es ist dieser Wille, der ihre innere Stärke repräsentiert und sicher stellt, dass sie zu eigenständigen, frei denkenden Erwachsenen heranwachsen.

Kinder die was wollen, können wahrlich alles erreichen.


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